Wen bewundern wir – und warum? Jede Generation beantwortet diese Frage anders. Doch drei Menschen aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass manche Vorbilder ihre eigene Zeit überdauern.
Als die Programmzeitschrift HÖRZU 1979 eine repräsentative Umfrage zu Vorbildern startete, lagen Prominente vorn: der Schauspieler Heinz Rühmann, der Sänger Peter Alexander und der Boxer Max Schmeling. Jugendliche nannten nach den eigenen Eltern am häufigsten John Travolta und Elvis Presley. Historische Persönlichkeiten spielten kaum eine Rolle. Auch heute stehen in Umfragen Mutter und Vater an der Spitze; in der Pubertät werden sie allerdings oft von Influencern, Sportlern oder Popstars abgelöst.
Gibt es trotzdem Menschen, auf die sich Jung und Alt einigen können? Der Sozialwissenschaftler Siebo Heinken hat für ein Buch Heldinnen und Helden von der Antike bis heute untersucht. Sein Fazit: Alle hatten die Fähigkeit, andere zu begeistern und mitzureißen. Ein Vorbild für alle sei allerdings niemand – immer nur für jene, die eine bestimmte Person zu ihrem Helden erklären. Gerade das mache das Thema so einfach und so kompliziert zugleich.
Sophie Scholl: der Mut, umzudenken
Im Februar 1943 lagen an der Münchner Universität Flugblätter aus, die offen zum Sturz der nationalsozialistischen Diktatur aufriefen. Verfasst hatte die Flugblätter die studentische Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Zu ihren aktivsten Mitgliedern gehörten die Philosophiestudentin Sophie Scholl, ihr Bruder Hans und ihr gemeinsamer Freund Christoph Probst. Die drei wurden verhaftet, am 22. Februar in einem Eilverfahren verurteilt und wenige Stunden später hingerichtet. Heute gilt das Urteil als rechtswidrig.
Bemerkenswert ist: Sophie Scholl war nicht von Anfang an eine Gegnerin des Regimes. Mit 15 Jahren war sie vom Nationalsozialismus begeistert und machte im Bund Deutscher Mädel mit. Erst nach und nach wurde ihr klar, welche Gräueltaten das Regime beging und wie grausam der Krieg war. Ihr Beispiel zeigt, dass auch ein Vorbild sich irren darf. Entscheidend ist, dass es den Irrtum einsieht – und dann handelt, auch wenn der Preis dafür hoch ist.
Bertha von Suttner: „Die Waffen nieder!“
Am 18. April 1906 nahm in Kristiania, dem heutigen Oslo, zum ersten Mal eine Frau den Friedensnobelpreis entgegen: die Österreicherin Bertha von Suttner, geboren als Gräfin Kinsky in Prag. Berühmt gemacht hatte sie ihr Roman „Die Waffen nieder!“ von 1889. Mit schonungslosen Schilderungen der Schrecken des Krieges traf das Buch einen Nerv: Plötzlich wurde überall über Militarismus und Krieg diskutiert.
Als Mitbegründerin der Friedensbewegung war sie überzeugt, dass Kriege vermeidbar sind und dass Staaten ihre Konflikte mit Recht statt mit Gewalt lösen können. Das sagte sie in einer Zeit, in der Frauen politisch kaum eine Stimme hatten. Ihre Hoffnung wurde jedoch bitter enttäuscht: Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914 in Wien – eine Woche vor dem Attentat von Sarajevo, mit dem der Weg in den Ersten Weltkrieg begann.
Albert Einstein: ein Genie mit Spieltrieb
Der in Ulm geborene Physiker Albert Einstein hat mit seiner Relativitätstheorie unser Bild vom Universum verändert. Schon 1905 schrieb er mit der Arbeit „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ Wissenschaftsgeschichte; den Nobelpreis bekam er allerdings für seine Forschung zum photoelektrischen Effekt. Gelerntes einfach wiederzukäuen, war nie seine Sache, schon in der Schule nicht. Stattdessen suchte er mit fast kindlicher Neugier nach neuen Lösungen.
Zum Vorbild macht ihn aber nicht nur seine Forschung. Einstein, der im Laufe seines Lebens die deutsche, österreichische, schweizerische und amerikanische Staatsbürgerschaft besaß, verstand sich als Pazifist und Weltbürger. Er machte deutlich, dass Wissenschaftler Verantwortung für die Folgen ihres Wissens tragen. Und er nahm sich selbst nicht allzu ernst: Die Rolle des zerstreuten Professors spielte er seinen Mitmenschen mit großem Vergnügen vor, und das Foto, auf dem er die Zunge herausstreckt, kennt bis heute fast jeder.
Was verbindet diese drei Menschen? Sie hielten nicht blind an Gewohntem fest, sondern dachten selbst – und setzten sich für etwas ein, das größer war als sie selbst. Vielleicht ist genau das der Grund, warum man sich an sie noch heute erinnert.