Ist eine Gesellschaft friedlicher, wenn alle sich ähnlich sind? Der deutsche Journalist Hasnain Kazim, dessen Familie aus Pakistan stammt, hält diese Frage für falsch gestellt. In einem Essay für den „Spiegel“ erklärt er, worum es aus seiner Sicht wirklich geht.
Den Anlass gab ein Interview mit Thilo Sarrazin. Darin behauptete dieser unter anderem, homogene Gesellschaften seien weniger spannungsreich. Kazim bestreitet nicht, dass Einwanderung aus anderen Kulturkreisen eine Herausforderung ist. Aus Problemen bei der Integration aber zu schließen, Homogenität sei grundsätzlich besser, hält er für ungefähr so überzeugend wie die Forderung, alle Autos abzuschaffen, weil es Verkehrstote gibt.
Ebenso wenig überzeugt ihn allerdings die Gegenseite. Als ihm in einer mittelgroßen deutschen Stadt jemand begeistert erklärte, eine Gesellschaft könne gar nicht bunt genug sein, widersprach Kazim – obwohl er Vielfalt nach eigener Aussage mag und es angesichts seiner Familiengeschichte, seiner Hautfarbe und seines Namens auch widersinnig wäre, es anders zu sehen. Er antwortete bewusst provokant mit einem absurden Vorschlag, um zu zeigen: Nicht alles, was „anders“ ist, ist automatisch gut. Vielfalt muss gestaltet werden.
Was eine Gesellschaft zusammenhält
Jede Gesellschaft, so Kazim, muss entscheiden, welche Unterschiede sie begrüßt, welche sie toleriert, welche sie nicht hinnimmt – und welche mit ihren Grundprinzipien unvereinbar sind. Vielfalt sei kein Wert an sich; sie brauche einen Rahmen. Unterschiedliche Herkunft, Religionen, Dialekte, Küchen und Lebensentwürfe können ein Land bereichern. Wer jedoch die Gleichberechtigung von Frauen ablehnt, Andersgläubigen ihre Freiheit abspricht, Gewalt religiös rechtfertigt oder demokratische Institutionen durch autoritäre Herrschaft ersetzen will, bringt keine weitere kulturelle Eigenheit mit. Er stellt das Fundament infrage, auf dem Vielfalt überhaupt erst möglich ist. Kurz gesagt: Auch eine offene Gesellschaft muss benennen, wo ihre Toleranz endet – gerade um ihre Offenheit zu schützen.
Der eigentliche Gegensatz lautet für Kazim deshalb nicht Homogenität gegen Vielfalt, sondern Liberalität gegen Illiberalität. Integration bedeute nicht, dass alle denselben Sport treiben, dieselbe Musik hören oder über dieselben Witze lachen. Sie bedeute, dass man sich auf einen gemeinsamen Nenner verständigt: Demokratie, Rechtsstaat, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung und die Würde jedes einzelnen Menschen. Innerhalb dieses Rahmens, so sein Fazit, kann das Leben gar nicht vielfältig genug sein. Wer diese Grundlagen teilt, gehört dazu – ganz gleich, woher er kommt, woran er glaubt oder welche Sprache er zu Hause spricht.