Calamari aus der Nordsee? Lange war das eine Seltenheit. Doch das Meer wird wärmer, und immer mehr Tintenfische schwimmen aus dem Atlantik in die Nordsee. Der Meeresbiologe Daniel Oesterwind hat der Zeitung taz aus Berlin erklärt, was das bedeutet.
Vom Beifang zum Geschäft
Ein paar Tintenfische gab es in der Nordsee schon immer – meist als Beifang, also zufällig im Netz. Gezielt nach ihnen zu fischen, lohnte sich aber nicht. Das hat sich grundlegend geändert. Laut Oesterwind leben inzwischen dauerhaft mehrere Arten in der Nordsee, zum Beispiel Langflossenkalmare wie Loligo forbesii und Kurzflossenkalmare wie Illex coindetii.
Die Zahlen zeigen den Wandel deutlich. 2020 machten Tintenfische bei der deutschen Grundschleppnetzfischerei gerade einmal ein Prozent des Umsatzes aus. Vier Jahre später waren es schon rund 20 Prozent. In Belgien und den Niederlanden werden die Tiere verkauft, in Deutschland bisher nur in kleinen Mengen direkt vor Ort. Kann der Tintenfisch die Nordseefischerei also vor dem Niedergang retten? Oesterwind bejaht das ohne Zögern.
Für die Fischer ist der Umstieg einfach. Sie benutzen dieselben Netze, die über den Meeresboden gezogen werden. Nur die Höhe der Netze und die Größe der Maschen haben sie etwas angepasst, damit weniger Beifang darin landet.
Warum es keine Quote gibt
Das eigentliche Problem sieht der Biologe woanders: Für Tintenfische gibt es bisher keine Fangquote. Für eine nachhaltige Fischerei sei aber ein solches System unerlässlich. Bei Fischen funktioniert es so: Forscher des Internationalen Rats für Meeresforschung (ICES) fahren jedes Jahr aufs Meer, fangen Fische, zählen sie und bestimmen ihr Alter. Aus diesen Daten berechnen sie eine Quote und empfehlen sie der EU. Bis die EU die Quote beschließt, dauert es ein bis zwei Jahre.
Für Fische ist das kein Problem, denn bei ihnen leben mehrere Generationen gleichzeitig im Meer. Tintenfische dagegen leben nur ein Jahr und pflanzen sich nur einmal fort – oft werden sie schon vorher gefangen. Ist ein Bestand weggefischt, ist er einfach weg. Außerdem reagieren die Tiere sehr empfindlich auf die Temperatur. Was in zwei Jahren sein wird, kann niemand vorhersagen.
Oesterwind setzt sich deshalb für schnellere und bessere Daten ein. In einem Projekt zählt sein Team in der Fortpflanzungszeit die Larven und schätzt, wie viele erwachsene Tiere es ein halbes Jahr später geben könnte. Andere Länder gehen anders vor: Sie beobachten, wie viele Tintenfische pro Stunde ins Netz gehen. Sinkt die Zahl unter eine bestimmte Grenze, wird die Fischerei gestoppt.
Gewinner des Klimawandels
Warum kommen die Tintenfische gerade jetzt? Ein Grund sind die Folgen des Klimawandels. Ein anderer könnte sein, dass es weniger Raubfische gibt – im Ökosystem sind Lücken entstanden. Wegen ihres kurzen Lebens können sich Tintenfische schnell anpassen und stark vermehren. Sie verdrängen andere Tiere und fressen alles, was sie überwältigen können. In manchen Teilen der Nordsee spielen sie schon eine Schlüsselrolle.
Macht ihm das Sorgen? Oesterwind gibt zu, dass er Tintenfische liebt – für ihn sind es wunderbare Tiere. Aus ökologischer Sicht findet er aber drastisch, was gerade in den Meeren passiert.