Mehr als 50 Jahre lang war er verschwunden, jetzt ist er zurück: Der Rote Thunfisch jagt wieder im Öresund, der Meerenge zwischen Dänemark und Schweden. Naturschützer sprechen von einer Sensation.
Ein Comeback, an das zuerst niemand glaubte
Als Jens Peder Jeppesen 2015 erzählte, vor seinem Boot sei ein riesiger Thunfisch aus dem Wasser gesprungen, glaubte ihm zunächst niemand – dabei leitet er das Öresund-Aquarium der Universität Kopenhagen. Doch er sollte recht behalten. Zwei Jahre später bot das Aquarium die ersten „Thunfisch-Safaris“ an – damals nur vier Fahrten pro Saison. Heute sind es mehr als 300, und alle sind ausverkauft. Gejagt wird dabei übrigens nicht: Die Gäste wollen die Tiere nur aus der Nähe bestaunen.
Dass der Atlantische Blauflossenthunfisch, wie der Rote Thunfisch auch heißt, wieder da ist, verdankt man strengen Fangquoten, dem Umweltschutz und einem harten Vorgehen gegen illegale Fischerei. Nur so konnten sich die Bestände erholen. Heute gilt die Art nicht mehr als gefährdet; in der Region leben nach Schätzungen mehrere Hunderttausend Tiere.
Ein schneller Weltreisender
Der bis zu fünf Meter lange und 700 Kilogramm schwere Fisch lebt in fast allen Ozeanen außer den Polarmeeren. In den Norden kommt er, um zu fressen: Ende Juli oder Anfang August erreichen die großen, starken Tiere dänische Gewässer, die jüngeren bleiben noch im wärmeren Mittelmeer. Bis Oktober oder November bleiben die Giganten im Öresund. Dann ziehen sie zurück in den Atlantik oder – zur Fortpflanzung – ins Mittelmeer oder in den Golf von Mexiko. Pro Jahr legen sie mehr als 10.000 Kilometer zurück.
Thunfische jagen in Gruppen, ähnlich wie Delfine, und kreisen ihre Beute ein: Makrelen, Sardinen, Heringe oder Tintenfische. Dabei werden sie bis zu 80 Stundenkilometer schnell – schneller als ihre natürlichen Feinde, Weiße Haie und Orcas. Schon ihr Name erzählt davon: Das griechische Wort „thýnnos“ bedeutet ungefähr „rasen“ oder „eilen“. Möglich macht das Tempo der torpedoförmige Körper; angetrieben wird er fast nur von der halbmondförmigen Schwanzflosse. Ungewöhnlich ist auch, dass der Thunfisch wärmer ist als das Wasser um ihn herum – er zählt zu den wenigen „warmblütigen“ Fischen.
Warum der Thunfisch verschwand
Schon Ende der 1930er-Jahre kamen Angler aus aller Welt nach Helsingør, um große Thunfische zu fangen. 1964 war damit plötzlich Schluss: Die Fische blieben aus. Lange glaubte man, die Umweltverschmutzung habe sie vertrieben. Heute weiß man, dass die Überfischung schuld war – nicht nur im Öresund, sondern auch im Mittelmeer und im Atlantik. Es gab einfach keine Thunfische mehr, die bis nach Dänemark hätten schwimmen können.
Spektakuläre Sprünge
Nirgendwo springen Thunfische so oft aus dem Wasser wie im Öresund. Der Grund ist ihre Lieblingsbeute, der Hornhecht. Fühlt sich dieser etwa zwei Kilo schwere Fisch verfolgt, flieht er zur Wasseroberfläche. Die viel schwereren Thunfische schießen hinterher – und weil sie nicht mehr rechtzeitig bremsen können, fliegen sie aus dem Wasser. Manche Safari-Gäste jubeln vor Begeisterung, andere sind zu Tränen gerührt, erzählt Catharina Marcussen, Natur- und Kulturpädagogin am Aquarium.
Die Touren sollen aber nicht nur unterhalten. Wer die Tiere einmal gesehen hat, setzt sich eher für ihren Schutz ein, hofft Marcussen. Außerdem zählen die Guides unterwegs die Thunfische und helfen so der Forschung. Damit die Fische bleiben, müssten die Fangbeschränkungen beibehalten werden. Und man müsse das ganze Ökosystem schützen, auch die Beutefische: Eine einzelne Art könne man nicht retten, ohne das Gesamtbild im Blick zu behalten.