Deutschland wird älter, und in vielen Branchen fehlen Leute. Um diese Lücke zu schließen, bräuchte das Land jedes Jahr etwa 400 000 mehr Einwanderer als Auswanderer. Doch ist Deutschland für ausländische Fachkräfte noch so attraktiv wie früher?
Fragen in Indien und Indonesien
Vor einem Jahr besuchte Außenminister Johann Wadephul in Indien eine Veranstaltung des Goethe-Instituts. Er fragte junge Inderinnen und Inder, die Deutsch lernten, ob sie sich vorstellen könnten, in Deutschland zu arbeiten oder zu studieren. Grundsätzlich ja, war die Antwort – aber dann kamen Einwände. Findet man noch einen Job, wenn die Autoindustrie gerade in der Krise steckt? Und ist man als Inder in Deutschland überhaupt willkommen? Lange war Deutschland für viele aufstrebende Fachkräfte das Ziel schlechthin. Heute leidet sein Außenbild: Gründe sind die schwache Weltwirtschaft, die lähmende Bürokratie und der politische Rechtsruck.
Alexandra Köbler kennt solche Fragen. Sie forscht beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zur Einwanderung und reist nach Indonesien und Jordanien, um dort Fachkräfte zu gewinnen. Bei einer Infoveranstaltung in Indonesien fragte eine junge Frau, ob sie in Deutschland ihr Kopftuch tragen könne, ohne diskriminiert zu werden. Köbler antwortet in solchen Fällen ehrlich: Es gibt in Deutschland ein Verbot von Diskriminierung, und man kann Vorfälle melden. Sie will niemandem Angst machen – aber auch kein falsches Bild vom Leben in Deutschland vermitteln.
Was auf dem Spiel steht
Die Wirtschaft ist auf Menschen aus dem Ausland angewiesen: in der Pflege, in der IT, in der Technik, aber auch als Lkw-Fahrer, im Hotel oder im Supermarkt. Bis 2039 gehen außerdem mehr als 13 Millionen Menschen in Rente. Ausländische Arbeitskräfte haben im vergangenen Jahr nach Berechnungen des IW mehr als 14 Prozent zur deutschen Wertschöpfung beigetragen. Ohne mehr Fachkräfte aus dem Ausland droht vor allem dem Osten ein Verlust an Wohlstand.
Doch viele, die schon da sind, machen schlechte Erfahrungen. Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berichten 56 Prozent der ausländischen Arbeitskräfte von Diskriminierung – 40 Prozent bei der Wohnungssuche, 21 Prozent am Arbeitsplatz. Und was sie erleben, erzählen sie weiter: Viele entscheiden sich für ein Land auch danach, was sie von Freunden und Bekannten mitbekommen. Simran Dhingra von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Neu-Delhi bestätigt das: Die Details der deutschen Politik kennen in Indien nur wenige. Über soziale Medien erfahren aber viele, wie es ihren Bekannten in Deutschland geht.
Starke Konkurrenz
Lange kamen vor allem Inder mit MINT-Studium nach Deutschland, inzwischen wirbt das Land auch um Pflegekräfte. Doch andere Länder, etwa die Vereinigten Arabischen Emirate, sind attraktiver geworden. Herbert Brücker vom IAB sagt, Deutschland habe im Vergleich an Attraktivität verloren. Bei internationalen Studierenden ist es zwar weiter beliebt, Platz zwei nach den USA, und etwa die Hälfte bleibt nach dem Studium. Bei hoch qualifizierten Fachkräften landet es aber nur im Mittelfeld. Im letzten Jahr ist die Zahl der Menschen, die netto nach Deutschland kamen, auf 235 000 gesunken – nur etwa halb so viele wie im Jahr davor. Das größte Hindernis sei, dass die Anerkennung von Abschlüssen so schwierig ist. Köbler bleibt trotzdem optimistisch: Wenn mehr Menschen kommen, könne das auch dem Rechtsruck entgegenwirken. Sie zählt sich, wie sie sagt, zu den letzten Optimisten.