Grüner Tee, Reis, Kreuzkümmel, Paprikapulver – das steht in fast jeder Küche. Ein Test zeigt jedoch: Viele dieser Produkte enthalten Rückstände von Pestiziden, die in der EU verboten sind. Wie gefährlich ist das, und was sollte man dagegen tun? Darüber wird heftig gestritten.
Der Test
Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch ließ ein unabhängiges Labor 64 Lebensmittel untersuchen, die in Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden gekauft worden waren. Ausgewählt wurden Gewürze, Reis und Tees – also Produkte, die in der EU kaum angebaut werden und deshalb meist aus anderen Teilen der Welt kommen. Gesucht wurde nach Pestiziden, also chemischen Mitteln gegen Unkraut, Insekten oder Pilze.
Das Ergebnis überraschte selbst die Tester: 45 der 64 Produkte enthielten Spuren von mindestens einem Pestizid ohne EU-Zulassung, bei elf lagen die Werte sogar über den erlaubten Grenzwerten. Nicht zugelassene Wirkstoffe fanden sich in allen getesteten Grüntees und in drei Kreuzkümmelpulvern aus deutschen Geschäften. In einem Paprikapulver fand das Labor 13 verschiedene Pestizide, in einer Chili-Mischung sogar 22. Einige dieser Stoffe stehen im Verdacht, Krebs auszulösen oder die Fruchtbarkeit zu schädigen.
Der „Pestizid-Bumerang“
Wie kommen verbotene Stoffe auf unsere Teller? Pflanzenschutzmittel ohne EU-Zulassung dürfen in Europa zwar nicht eingesetzt, aber durchaus hergestellt und in Länder außerhalb der EU verkauft werden. Laut der Heinrich-Böll-Stiftung erlaubte die EU 2024 den Export von 122.000 Tonnen solcher Pestizide; fast 50.000 Tonnen davon lieferten deutsche Konzerne. Zwischen 2018 und 2024 haben sich die Exporte mehr als verdoppelt. Mit importierten Lebensmitteln kehren die Stoffe dann nach Europa zurück. Annemarie Botzki von Foodwatch spricht deshalb von einem „Pestizid-Bumerang“. Ihre Forderung: Was in der EU als zu gefährlich gilt, dürfe auch anderswo nicht verkauft und benutzt werden.
Zwei Seiten, zwei Sichtweisen
Ganz anders sieht das Frank Gemmer. Er leitet den Industrieverband Agrar (IVA), der die Hersteller von Pflanzenschutz- und Düngemitteln vertritt. Wenn man einzelne Funde herausgreife, entstehe der Eindruck eines allgemeinen Problems, den die staatlichen Kontrollen nicht bestätigen. Die Regeln in der EU und in Deutschland seien die strengsten der Welt, und ein Rückstand bedeute nicht automatisch eine Gefahr. Der überwiegende Teil der Proben liege deutlich unter den Grenzwerten, viele seien sogar völlig frei von Rückständen.
Auch Botzki gibt zu, dass eine Prise Gewürz allein niemanden krank macht – es komme auf die Dosis an. Sie warnt aber vor dem sogenannten Cocktaileffekt: Nimmt der Körper über verschiedene Lebensmittel mehrere Chemikalien auf, können sich deren Risiken gegenseitig verstärken. Bei der Zulassung von Pestiziden werde das bisher nicht berücksichtigt.
Ein Exportverbot lehnt Gemmer ab. Seine Argumente: In vielen Ländern würden die Mittel gebraucht, um die Ernte zu schützen, etwa vor Heuschreckenplagen. Die meisten Importländer hätten eigene Behörden und Zulassungsverfahren. Und ohne europäische Produkte würden Bauern womöglich zu Mitteln greifen, die nach niedrigeren Standards hergestellt werden. Auch das deutsche Landwirtschaftsministerium sieht derzeit keinen Grund für zusätzliche Exportverbote. Foodwatch dagegen spricht von einer Doppelmoral: Gerade in ärmeren Ländern werde oft ohne Schutzkleidung gespritzt, die gesundheitlichen Kosten seien dort am höchsten.
Eine kleine Gemeinsamkeit gibt es trotzdem. Beide Seiten halten Alternativen für wichtig, etwa widerstandsfähige Sorten, Fruchtfolgen oder biologischen Pflanzenschutz. Gemmer glaubt allerdings nicht, dass es ganz ohne Chemie geht: Pestizide sollten nur dort eingesetzt werden, wo sie wirklich nötig sind. Botzki dagegen ist überzeugt, dass Landwirtschaft auch völlig ohne Pestizide funktionieren kann.