Jedes Jahr im Herbst wird München für gut zwei Wochen zur größten Party der Welt. Millionen Gäste kommen zum Oktoberfest – die Münchner sagen einfach „Wiesn“. Aber wie hat alles angefangen? Und wie ist es, dort zu arbeiten?
Eine Hochzeit als Anfang
Die Geschichte beginnt 1810 mit einer Hochzeit: Prinz Ludwig von Bayern heiratete Prinzessin Therese. Zu ihren Ehren gab es ein Pferderennen auf einer großen Wiese vor der Stadt – der heutigen Theresienwiese. Neu war: Nicht nur der Adel durfte feiern, sondern alle Menschen. So wollte man dem jungen Königreich Bayern eine gemeinsame Identität geben.
Schon damals spielte die Kleidung eine Rolle. Die Herrscher fanden Dirndl und Lederhosen aus den Alpen schick und machten sie bekannt. So entstand die typisch bayerische Tracht. Später war sie lange nicht mehr modern: Noch Mitte der 1990er-Jahre feierten viele Leute in Jeans und Pullover. Um das Jahr 2000 kam die Tracht zurück. Die frühere Chefin des Oktoberfests, Gabriele Weishäupl, trug damals bewusst ein Dirndl in den Farben der Stadt. Sie sagt, dass sie so den Trend mitgestartet hat. Heute steht dieses Dirndl im Museum, und fast alle Gäste kommen in Tracht.
Arbeiten auf der Wiesn
Julian Tanzer, 25, ist Sanitäter auf dem Oktoberfest. Mit 430 Kollegen hilft er in zwei Wochen rund 6000 Patienten. Für ihn ist die Wiesn wie eine verrückte kleine Stadt, in der man viele Sprachen hört und alles passieren kann. Fast jeden Abend bringt er eine skurrile Geschichte mit nach Hause – zum Beispiel von einer Frau, deren Bluse kaputt war. Das Team hat die Bluse einfach wieder zugenäht.
Marlene Graßl, 43, arbeitet sonst als Coach. Aber seit 2011 ist sie jedes Jahr Kellnerin in einem großen Zelt und trägt schwere Maßkrüge. Sie kommt aus einer Familie mit Restaurant und ist gern Gastgeberin. Wie viel sie verdient, sagt sie nicht. Die Arbeit ist hart, aber das Trinkgeld ist gut. Besonders gefällt ihr, wie offen die Menschen hier zueinander sind.
Ein Fest für alle – und ein großes Geschäft
Im Zelt sitzen Menschen aus aller Welt eng zusammen an langen Tischen: Junge und Alte, Bayern und Australier. Fremde singen zusammen und haben gemeinsam Spaß. Der Soziologe Sacha Szabo erklärt, warum: Feste sind eine Pause von der Wirklichkeit. Wer feiert, vergisst für eine Weile seine Sorgen. Und in Tracht fühlt man sich fast wie in einer anderen Rolle.
Für München ist die Wiesn auch ein großes Geschäft. Im letzten Jahr kamen rund 6,5 Millionen Besucher. Die Stadt schätzt den Wirtschaftswert auf 1,5 Milliarden Euro. Nur 40 Prozent davon verdient man auf dem Festgelände selbst, der Rest geht an Hotels, Geschäfte und Taxis. Ein Hotelzimmer kostet zur Wiesnzeit manchmal 400 Euro pro Nacht. Manche Münchner vermieten in dieser Zeit ihre Wohnung an Touristen und fahren selbst in den Urlaub.