Jeden Tag stehen in der Hamburger Speicherstadt lange Schlangen vor einem alten Backsteingebäude. Drinnen wartet kein Museum mit berühmten Gemälden, sondern eine Modelleisenbahn – allerdings die größte der Welt. Das Miniatur Wunderland wird 25 Jahre alt und gilt inzwischen als die beliebteste Sehenswürdigkeit Deutschlands.
Angefangen hat alles nicht in Hamburg, sondern in Zürich – und mit schlechter Laune. Frederik Braun betrieb damals eine Diskothek und hatte die oberflächliche Partywelt satt. Um auf andere Gedanken zu kommen, machte er Urlaub in der Schweiz. In Zürich betrat er, nur um sich die Zeit zu vertreiben, einen Laden mit Modelleisenbahnen – und fühlte sich plötzlich wieder wie ein Kind. Schon als Jungen hatten er und sein Zwillingsbruder Gerrit davon geträumt, im Keller eine riesige Bahn zu bauen. Frederik rief sofort seinen Bruder an und erklärte ihm seinen Plan: zusammen die größte Modelleisenbahn der Welt zu bauen.
Ein Hobby sollte das aber nie werden, sondern ein Geschäftsmodell. Schon vorher hatte Braun mit Musik und Partys Geld verdient: als DJ, als Organisator und mit einem Plattenlabel, das er selbst gegründet hatte. Bei allem stellt er sich dieselbe Frage: Wie lässt sich das gut verkaufen? Seine Antwort für die Eisenbahn war ein Superlativ. Niemand reist weit, um irgendeine Modellbahn zu sehen – die größte der Welt dagegen will jeder sehen, und die Presse berichtet von selbst darüber. Deshalb rechneten die Brüder zuerst am Laptop aus, wie groß die Anlage sein musste, um den Rekord zu holen. Erst dann begann die Handarbeit.
Bei der Eröffnung 2001 ging der Plan nicht ganz auf: In Amerika gab es noch eine größere Anlage. Das Team musste sich mit dem Titel „größte digitale Modelleisenbahn der Welt“ zufriedengeben, denn die amerikanische Bahn fuhr noch analog. Den feinen Unterschied bemerkte allerdings kaum jemand. Zeitungen in ganz Deutschland berichteten, und die Besucher kamen aus dem ganzen Land.
Heute arbeiten rund 400 Menschen für das Wunderland, und seit der Eröffnung haben es mehr als 25 Millionen Gäste besucht. In Hamburg locken nur der Michel, die wichtigste Kirche der Stadt, und die Elbphilharmonie noch mehr Menschen an. Gezeigt werden Städte und Landschaften aus aller Welt im Maßstab 1:87: Man sieht zum Beispiel Formel-1-Wagen in Monaco, Schiffe in den Fjorden Skandinaviens, Züge in den Bergen und einen eigenen Flughafen, den „Knuffingen Airport“, auf dem Flugzeuge starten und landen. Alle 15 Minuten wird es Nacht, und Tausende kleine Lichter gehen an. Für die gesamte Anlage brauchte man rund 1,2 Millionen Arbeitsstunden; sie hat 1231 Züge, über 292 000 Figuren und mehr als 521 500 LEDs.
Die Brüder sind sehr verschieden. Frederik ist der überschwängliche Optimist mit immer neuen Ideen: eine Dschungelwelt mit einem Restaurantboot oder eine Fahrt des ganzen Teams in einem Modellzug von Hamburg nach Berlin. Die Zugfahrt hat er übrigens aufgegeben – zu aufwendig. Gerrit ist skeptischer und hat die Ideen seines Bruders oft gebremst. Früher hat Frederik ihn deshalb einen Pessimisten genannt, heute spricht er lieber von einem Realisten. Denn um Gerrit zu überzeugen, muss er seine Pläne immer weiter verbessern – und am Ende ist das Ergebnis besser.
Mit dem Alter ist Frederik Braun nach eigenen Worten etwas ruhiger geworden. Er kämpft nicht mehr um jeden Preis für jede Idee. Etwas ganz Neues außerhalb des Wunderlands sucht er aber auch nicht: Hier kann er sich jeden Tag neu erfinden, findet er. Zum Jubiläum ist ein neuer Abschnitt über den Rockmusiker Udo Lindenberg dazugekommen, der „Panik-Express“. Ab Ende des Jahres soll außerdem Südamerika zu sehen sein.