Für die Amerikaner ist es so wichtig wie für die Europäer van Goghs „Sonnenblumen“: das Gemälde „Washington Crossing the Delaware“. Gemalt hat es aber ein Deutscher – Emanuel Leutze.
Das Bild zeigt eine Nacht im Dezember 1776. Im Unabhängigkeitskrieg gegen die britische Kolonialmacht sieht es für die amerikanischen Revolutionäre schlecht aus. In der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember überqueren etwa 2400 Soldaten unter George Washington in Booten den Fluss Delaware. Das gewagte Manöver gelingt: Die Schlacht von Trenton wird ihr erster Sieg nach einer langen Krise. Sieben Jahre später ist der Krieg gewonnen, und noch einmal sechs Jahre danach wird Washington der erste Präsident der Vereinigten Staaten.
Im Zentrum des riesigen Gemäldes – es ist fast 6,50 Meter breit und knapp 3,80 Meter hoch – steht Washington in heroischer Pose im Boot. Dramatisches Licht lässt die Szene feierlich wirken. Den Morgenstern am Himmel malte der Landschaftsmaler Andreas Achenbach, einer von fünf Helfern Leutzes. Die Venus, das hellste Gestirn vor Sonnenaufgang, steht für Hoffnung und Neuanfang.
Details mit Botschaft
Auch viele Einzelheiten haben eine Bedeutung. Vorn im Boot sitzen ein Mann mit Schottenmütze, ein Indigener und ein Schwarzer. Sie stehen wahrscheinlich für die Vielfalt der amerikanischen Gesellschaft – auch Sklaven kämpften damals für das Versprechen der Freiheit. Der Mann mit der Fahne ist James Monroe, der später der fünfte Präsident der USA wurde. Die Flagge mit den „Stars and Stripes“ gab es im Dezember 1776 allerdings noch gar nicht: Sie wurde erst ein halbes Jahr später offiziell anerkannt.
Ganz realistisch sind auch die dicken Eisschollen nicht. Sie zeigen, gegen welche Naturgewalten die Männer kämpfen mussten. Der Delaware war an dieser Stelle aber wohl schmaler und weniger reißend. Als Vorbild diente vermutlich der Rhein.
Eine Botschaft für Deutschland
Emanuel Leutze (1816–1868) wurde in Schwäbisch Gmünd geboren und wuchs in Amerika auf. Seine Ausbildung bekam er in Düsseldorf. Dort verband er die deutsche Historienmalerei mit dem Pathos republikanischer Ideen.
Vielleicht wollte er mit dem Bild gar nicht in erster Linie die Geschichte der USA glorifizieren. Leutze war ein Anhänger freiheitlicher und demokratischer Ideen und hatte erlebt, wie die Deutsche Revolution von 1848/49 scheiterte. Washingtons Fahrt über den Fluss war deshalb wohl auch eine Botschaft aus der amerikanischen Geschichte an seine deutschen Landsleute: Revolutionen können gelingen, wenn man nur genug Mut hat.
Leutze malte das Bild zweimal. Die erste Fassung von 1850 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die zweite, monumentale Fassung von 1851 hängt heute im Metropolitan Museum of Art in New York.