Während der Pandemie schien die Kreuzfahrt am Ende. Heute erlebt die Branche einen Boom wie nie zuvor – und setzt auf immer größere Schiffe.
Eine Prophezeiung, die nicht eintraf
Im Juni 2020, kurz nach dem ersten Lockdown in Deutschland, wagte der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) einen Blick in die Zukunft. Die Pandemie werde bleibende Spuren hinterlassen, meinte er – und fragte beiläufig, ob Kreuzfahrtschiffe wirklich wieder wie früher über die Meere fahren müssten. Doch mit dieser Prognose irrte er gewaltig.
Dabei stand die Branche tatsächlich kurz vor dem Untergang. Eine Zeit lang war unklar, ob selbst der Marktführer Carnival den Stillstand und die hohen laufenden Kosten überstehen würde. Der US-Konzern verlor im ersten Corona-Jahr 8,6 Milliarden Euro – deutlich mehr als die Lufthansa mit 6,5 Milliarden. Trotzdem haben fast alle bekannten Reedereien die Krise überlebt. Von einem dauerhaften Rückschlag kann heute keine Rede sein.
Nach Angaben des Branchenverbands Clia gingen im vergangenen Jahr weltweit 34,6 Millionen Menschen an Bord – 16,5 Prozent mehr als 2019, dem letzten Jahr vor Corona. Damit wächst die Kreuzfahrt deutlich schneller als die Luftfahrt, die zuletzt nur vier Prozent über dem Niveau von 2019 lag. Ein erstaunliches Comeback also – aber eines mit Fragezeichen: Wie stabil ist der Boom? Und was ist mit überlaufenen Hafenstädten und der Umwelt?
Masken an Bord, trotzdem ausgebucht
Wybcke Meier, Chefin von Tui Cruises in Hamburg, will nie daran gezweifelt haben, dass die Kreuzfahrt eine Zukunft hat. Schon im Sommer 2020 bot Tui Cruises sogenannte „Blaue Reisen“ an: kurze Fahrten auf halb leeren Schiffen, ganz ohne Landgang. Die Gäste mussten Masken tragen, Abstand halten und jeden Morgen Fieber messen lassen. Gebucht wurde trotzdem reichlich.
Meiers Erklärung ist einfach: Im Urlaub suchen die Menschen Erholung, einen Tapetenwechsel und neue Erlebnisse – und genau das biete die Kreuzfahrt. Die Managerin setzte sogar durch, dass die bereits bestellten Neubauten nicht storniert wurden. Heute wächst ihre „Mein Schiff“-Flotte kräftig.
Rechnen, sparen, kassieren
Ganz spurlos ist die Krise an den Reedereien aber nicht vorbeigegangen. Sie seien deutlich kostenbewusster geworden, sagt Franz Neumeier, der das Portal „Cruisetricks“ betreibt. Das bekommen die Passagiere zu spüren: Die Preise sind spürbar gestiegen, an vielen Stellen wird gespart. Der Chef der Reederei NCL, Harry Sommer, ließ etwa die Speisekarte kürzen. Er behauptete, das untere Drittel der Gerichte habe ohnehin niemand bestellt. Für ihn gehe es darum, Finanzzahlen und Kundenzufriedenheit in Einklang zu bringen.
Vor allem aber gilt in der Branche ein Motto: Big is beautiful. Neumeier hat die weltweite Flotte von 2016 mit der für Ende 2026 erwarteten Flotte verglichen. Das Ergebnis ist eindeutig: Die durchschnittliche Zahl der Passagiere pro Schiff ist um 15 Prozent gestiegen, die Zahl der Schiffe für mehr als 3000 Gäste sogar um fast 170 Prozent. Die Größenvorteile sind so beträchtlich, dass kaum eine Reederei darauf verzichten will.
Schwimmende Freizeitparks
Die Kundschaft macht mit. Anders als manche in der Pandemie vorhergesagt hatten, hat sie die Massenreisen nicht satt – im Gegenteil. Besonders Amerikaner, die mehr als die Hälfte des Weltmarkts ausmachen, lieben die schwimmenden Freizeitparks. Auf Schiffen für 6000 Passagiere und mehr lassen sich überdurchschnittliche Preise erzielen.
Außerdem gilt: Möglichst viel Geld soll an Bord bleiben. Die Riesenschiffe sollen die Gäste dazu bringen, noch mehr auszugeben – etwa für den Surfsimulator oder für eine Liege mitten im Pool. Damit die Kaufkraft auch an Land nicht verloren geht, kaufen sich die Anbieter sogar eigene Inseln und Strände.
Nicht überall willkommen
In vielen beliebten Hafenstädten wächst dagegen der Unmut über die tägliche Flut von Tagesgästen. Bisher sei es der Industrie kaum gelungen, die Vorbehalte mit Zahlen zu entkräften, meint der Hamburger Berater Helge Grammerstorf. Er rät der Branche, mit den Städten ins Gespräch zu kommen, klare Regeln zu vereinbaren und den Einheimischen echte Vorteile zu bieten. Viele Städte sind hin- und hergerissen. Venedig und Amsterdam haben die großen Schiffe aus dem Zentrum verbannt – ankern dürfen sie aber ein paar Kilometer weiter draußen.
Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht. Die Meyer Werft hat bereits ein Schiff der Zukunft für die Karibik entworfen. Die Studie heißt „Manta Ray“ und bietet Platz für 10 000 Passagiere. Wegen seiner Breite von 88 Metern passt das Ungetüm kaum noch in einen Hafen. Ein Entwurf, der viele Grenzen überschreitet – technische und vielleicht auch menschliche.