Pünktlich, ordentlich, ein bisschen streng – so stellen sich viele Menschen die Deutschen vor. Aber stimmen diese Bilder auch? Eine Reporterin hat vier bekannte Klischees im Alltag getestet.
1. Der Müll
Am Stadtrand von München liegt seit 2014 ein riesiger Wertstoffhof: 30 000 Quadratmeter nur für Müll. Hierher bringt man alte Möbel, Holz oder Elektrogeräte. Für jede Sorte gibt es einen eigenen Container, und die Mitarbeiter passen genau auf. Als eine Frau eine Plastikflasche in den falschen Container werfen will, hört sie sofort ein lautes „Stopp!“
Wer in Deutschland seinen Müll nicht trennt, verstößt gegen das Gesetz: Die Mülltrennung ist Pflicht. Mit Erfolg: Laut der Europäischen Umweltagentur recycelt Deutschland fast 69 Prozent seiner Abfälle – das ist der höchste Anteil in der EU. Ein Besucher gibt lachend zu: Spaß macht ihm das nicht. Ergebnis: Das Klischee stimmt – aber es ist kompliziert.
2. Die Regeln
Die Deutschen mögen Regeln. Für Normen gibt es sogar ein eigenes Institut: das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin, gegründet 1917. Es ist kein staatliches Amt, aber die Regierung erkennt es offiziell an. Das DIN legt zum Beispiel fest, wie groß ein Blatt Papier ist, wo auf einem offiziellen Brief die Adresse steht und wie hoch eine Treppenstufe sein soll.
Wie ernst man Regeln nimmt, zeigt eine Zugfahrt von Nürnberg nach München. Der Zug ist extrem voll, und von der Decke tropft Wasser. Nur ein paar Meter weiter ist die erste Klasse – mit sechs freien Plätzen. Trotzdem setzt sich eine ganze Stunde lang niemand dorthin, denn ohne Extra-Ticket darf man dort nicht sitzen. Ergebnis: Das Klischee stimmt.
3. Das Brot
Viele Deutsche im Ausland vermissen vor allem eins: ihr Brot. Ein Brotregister zählt über 3200 Sorten – so viele wie in keinem anderen Land. Seit 2014 ist die deutsche Brotkultur sogar immaterielles UNESCO-Kulturerbe. Pro Jahr isst ein Haushalt im Durchschnitt fast 56 Kilogramm Brot. Im Freundeskreis der Reporterin backen seit der Corona-Zeit viele selbst mit Sauerteig. Manche geben ihrem Sauerteig sogar einen Namen.
Beim Brotessen sind die Deutschen aber keine Weltmeister: Im internationalen Vergleich liegen sie nur auf Platz elf. Am meisten Brot pro Kopf isst man in Tschechien – 113 Kilogramm im Jahr. Ergebnis: Die Liebe zum Brot ist echt, der Weltmeistertitel aber nicht.
4. Socken in Sandalen
Das sichtbarste Klischee sind aber Socken in Sandalen. Deutsche Touristen haben diese Kombination überall im Urlaub gezeigt – in Spanien, Frankreich oder Italien. Auch in München sieht man sie wirklich oft, zum Beispiel weiße Socken in Birkenstocks. Sprechen wollen die meisten Träger darüber aber nicht. Nur ein junger Mann bleibt stehen. Er erzählt, dass er früher über seinen Opa gelacht hat. Heute trägt er selbst Socken in Sandalen.
Eine Schuhverkäuferin bestätigt: Die Kombination ist heute Mode, und das nicht nur in Deutschland. Ihr Geschäft hatte sogar ein Werbeplakat damit im Fenster. Ihre Kollegin findet die Mode trotzdem hässlich. Ergebnis: Das Klischee stimmt – und ist vielleicht gar nicht mehr peinlich.
Manche Klischees stimmen also, andere nur zum Teil. Und manchmal kann es sogar schön sein, ein bisschen „typisch deutsch“ zu sein.