Zehn Abende, zehn Orte, kein Eintritt: In München bringen Tanja Krainhöfer und Patrik Thomas das Kino aus dem dunklen Saal direkt in die Wohnviertel – mit Filmen, die von der Stadt selbst erzählen.
Ein Vorbild aus Wien
Wer verstehen will, wovon die beiden träumen, sollte nach Wien schauen. Dort gibt es seit Juni 1990 das Volxkino, die älteste Open-Air-Kino-Initiative der österreichischen Hauptstadt. Auf seiner gut gepflegten Website findet man ein übersichtliches Programm mit vielen Terminen. Mit dieser Beständigkeit kann das Münchner Projekt natürlich noch nicht mithalten – doch für Krainhöfer und Thomas ist das Volxkino ein klares Vorbild. Ihr eigenes mobiles Freiluftkino trägt einen Namen, den in München fast jeder kennt: „Münchner G'schichten“.
Er erinnert an „Münchner Geschichten“, eine legendäre Fernsehserie von Helmut Dietl aus den Siebzigerjahren mit Günther Maria Halmer. Die Serie gehört zu München wie das Oktoberfest zur Theresienwiese; aus ihren neun Folgen wird bis heute zitiert, und sie hat viel zum Mythos der Stadt beigetragen. Darf man einen so besetzten Titel einfach übernehmen? Krainhöfer findet ja: Er beschreibe genau, worum es gehe – Filme von Münchnern für Münchner. Meist haben die Filme sogar einen Bezug zu dem Viertel, in dem sie gezeigt werden. Dass junge Leute die Anspielung auf Dietl womöglich gar nicht verstehen, stört Thomas nicht. Wichtiger ist ihm, dass ausschließlich Arbeiten Münchner Filmschaffender laufen und vor jedem Spielfilm ein Kurzfilm.
Nachbarn statt Highlights
Das Prinzip ist einfach: unter freiem Himmel, kostenlos, ohne Anmeldung, auf einer mobilen Leinwand von 4,5 mal 2,5 Metern. Ein neues kulturelles Highlight wollen die beiden ausdrücklich nicht sein, sagt Krainhöfer, sondern ein Werkzeug, mit dem die Münchner ihre Stadt lebenswerter machen. Im besten Fall wird jede Vorführung zu einem Nachbarschaftsereignis – so, wie es das Wiener Volxkino seit Jahren vormacht.
Für den ersten Abend haben sie „Wholetrain“ von Florian Gaag ausgewählt, einen Film von 2006 über die Münchner Graffiti-Szene mit Elyas M'Barek. Davor läuft der zehnminütige Kurzfilm „AG Schmierschriften“ eines Studenten der Münchner Filmhochschule HFF. Er porträtiert Alois Spies, der in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als München ein Zentrum der Graffiti-Bewegung war, regelrecht Jagd auf illegale Sprayer machte. Regisseur Gaag und Münchner Graffiti-Künstler werden anwesend sein, denn nach dem Film sollen Publikum und Filmschaffende ins Gespräch kommen. Ganz bewusst stellen die Organisatoren junge Talente vor, die man noch kaum kennt.
Ein ungleiches Team
Kennengelernt haben sich die beiden im Mai 2025 beim Münchner Dokumentarfilmfestival. Thomas kam zum Studium an die Kunstakademie nach München, hat aber auch in São Paulo und Portugal studiert und gearbeitet. Er bezeichnet sich als Filmemacher, Medienkünstler und Pädagoge und sieht Kino als soziale Infrastruktur – als Mittel des kulturellen Widerstands. Seit drei Jahren fährt er mit einem solarbetriebenen Lastenfahrrad durch die Stadtviertel und organisiert Filmabende. Vier Jahre hat er für die Idee eines mobilen Kinos gekämpft, bis er sein Projekt „Ciné Vélo Cité“ mit EU-Förderung umsetzen konnte.
Für Krainhöfer, die Produktion und Medienwirtschaft studiert hat, ist er der kongeniale Partner. Beide glauben, dass Filme den Zuschauern neue Perspektiven eröffnen, auf Missstände hinweisen und vor allem Menschen zusammenbringen können. Bei einem der Spielfilme musste sich Thomas allerdings erst überzeugen lassen: Gewählt wurde die Komödie „Vatertage – Opa über Nacht“ mit Sebastian Bezzel, ein typischer Feel-Good-Film. Für Thomas, der sonst lieber auf den Klimawandel und andere Katastrophen aufmerksam macht, sei das Neuland. Doch seine Kollegin habe ihn überzeugt: Die Menschen sollen einfach einen schönen Abend haben.