Ein Wartezimmer mit ein paar Zeitschriften, eine Ärztin am Schreibtisch – so wird ein Arztbesuch wohl auch in Zukunft aussehen. Und doch krempelt Künstliche Intelligenz die Medizin gerade grundlegend um. Viele Patienten werden davon allerdings kaum etwas merken.
Vielleicht begrüßt die Patienten bald ein Tablet am Empfangstresen. Sie beantworten ein paar Fragen, und das Gerät schickt sie weiter – zum Röntgen, zu einer Fachärztin oder wieder nach Hause. Im Sprechzimmer schaut der Hausarzt etwas öfter auf den Bildschirm als früher: Eine KI hilft ihm, Laborwerte und Befunde zu beurteilen, eine Diagnose zu stellen und eine Behandlung zu empfehlen.
Schneller als der Mensch
Vieles davon gibt es schon heute. In der Radiologie und in der Pathologie erkennen KI-Systeme Tumoren auf Bildern, sogar in Videos von Darmspiegelungen. Prof. Jakob Nikolas Kather, der an der TU Dresden eine Arbeitsgruppe für klinische KI leitet, erklärt, dass man solche Programme mit großen Datenmengen heute so trainieren kann, dass sie genauso gut sind wie menschliche Fachleute. In Deutschland werden sie bereits vereinzelt eingesetzt. Ein Modell der Berliner Charité zum Beispiel bestimmt anhand des Erbguts von Tumorzellen mehr als 170 Krebsarten – fast fehlerfrei und so schnell, dass das Ergebnis noch während einer Operation vorliegt.
Gerade das Tempo ist eines der stärksten Argumente für KI, denn in der Medizin kommt es oft auf Sekunden an. In Dänemark beantwortet zwar ein Mensch den Notruf, doch das System Corti hört mit. Es erkannte einen Herzstillstand in 93 Prozent der Fälle richtig, im Schnitt nach 48 Sekunden. Die menschlichen Mitarbeiter brauchten dafür anderthalb Minuten und lagen nur in 73 Prozent der Fälle richtig.
Der Chatbot als erste Anlaufstelle
Auch Patienten fragen immer öfter einen Computer, was ihnen fehlt. Die App Ada eines Berliner Unternehmens stellt Fragen wie ein Hausarzt. Eine Diagnose darf sie nicht stellen – das dürfen nur Ärztinnen und Ärzte –, aber sie berechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit hinter den Beschwerden eine bestimmte Krankheit steckt. Mehr als 14 Millionen Menschen sollen das System schon genutzt haben.
Dazu kommen große Sprachmodelle wie ChatGPT. Ihre Antworten hält Kather inzwischen für sehr gut. Das Problem der „Halluzinationen“, also erfundener Antworten, sei zwar nicht gelöst, aber deutlich kleiner geworden: Vor einigen Jahren war noch rund ein Drittel der Antworten von ChatGPT frei erfunden, bei medizinischen Analysen liegt die Fehlerrate laut Studien heute bei 15 bis 19 Prozent. Ob ein Patient ein Antibiotikum bekommt, darf ein Arzt trotzdem keinen Chatbot entscheiden lassen. Sprachmodelle sind nämlich keine Medizinprodukte, für die in Deutschland strenge Regeln gelten. Zur Beratung und für die Literaturrecherche darf man sie aber nutzen.
Roboter und digitale Zwillinge
Die nächsten Schritte werden schon erforscht. Sogenannte KI-Agenten sollen Ärzten Routineaufgaben mit mehreren Schritten abnehmen: Ist in der Notaufnahme etwa ein Entzündungswert erhöht, könnte der Agent selbstständig die nächste Laboruntersuchung anfordern. An der Berliner Hochschule für Technik lernen Roboter, selbst Schnitte zu setzen und Wunden zu nähen – bisher an Modellen aus Silikon und noch recht bedächtig: Für den ersten Knoten braucht die Maschine etwa vier Minuten.
Noch weiter in der Zukunft liegt der digitale Zwilling: ein virtuelles Abbild des Patienten, an dem man vorher testen kann, wie er auf eine Therapie reagiert. Das lange Ausprobieren verschiedener Medikamente, das zum Beispiel bei der Krebsbehandlung häufig ist, wäre dann überflüssig. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) arbeitet zusammen mit der Universität Heidelberg und der Industrie an einem solchen System.
Das Gehirn eingeschaltet lassen
Eine Gefahr sieht Kather trotzdem: das „De-Skilling“, den Verlust von Fähigkeiten. Seit fast jedes Auto ein Navi hat, können immer weniger Menschen eine Straßenkarte lesen. Und wie soll ein junger Chirurg bei einem Stromausfall operieren, wenn er sonst immer den Roboter nutzt? Kather vergleicht das mit der Luftfahrt: Auch dort werden weiter Piloten ausgebildet, obwohl es perfekte Autopiloten gibt. Genauso müssten Ärztinnen und Ärzte weiter lernen, selbst zu denken.
Für den Onkologen ist KI der größte technologische Sprung, den die Menschheit je erlebt hat – und er vollzieht sich schneller als die Industrialisierung, das Telefon oder das Internet. Man solle dafür offen sein, meint er. Das eigene Gehirn dürfe man dabei aber nicht abschalten.