Mit „Etwas ganz Besonderes“ – international „Home Stories“ – legt die Regisseurin Eva Trobisch ein vielstimmiges Familienporträt vor. Der Filmkritiker Joachim Kurz hat es für das Portal Kino-Zeit besprochen.
Ein Gasthof mit Geschichte
Schauplatz ist Greiz in Thüringen. Dort betreibt eine Familie den Gasthof Waldblick mit angeschlossenem Hotel – ein Haus, das schon in die Jahre gekommen ist und dessen abgestoßener Charme noch immer den spießigen Muff der DDR atmet. Ob das Familienunternehmen überleben wird, ist ungewiss, und die Sorge darum stellt auch die Ehe der Großeltern auf die Probe. Ihr Sohn Matze ist nach der Trennung von seiner Frau Rieke wieder bei ihnen eingezogen. Rieke erwartet inzwischen ein Kind von einem anderen Mann.
Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Lea, die Tochter von Rieke und Matze. Ohne Wissen ihrer Mutter, aber mit Unterstützung ihres Vaters hat sie es bis ins Finale einer Castingshow geschafft, ähnlich wie „The Voice“ oder „The X Factor“. Deshalb reist ein Fernsehteam nach Greiz: Es soll ein Porträt der begabten Sängerin drehen – eben eine „Home Story“, wie es der englische Titel verspricht.
Viele Geschichten um eine Mitte
Um diese offensichtliche Geschichte gruppieren sich wie in einem Kaleidoskop zahlreiche weitere. Bonny, Leas beste Freundin, mit der sie früher zusammen Musik gemacht hat, fühlt sich plötzlich im Abseits. Matze will die Fehler der Vergangenheit ausbügeln und endlich ein guter Vater sein – und für seine Ex-Frau empfindet er noch immer etwas, und das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit. Seine Schwester Kati ist aus dem Westen zurückgekehrt und möchte das städtische Museum und das Schloss auf Vordermann bringen, was nicht allen gefällt. Ihr Sohn Edgar rebelliert mit Protestaktionen gegen Rechtsextreme und die politischen Verhältnisse und schießt dabei gelegentlich übers Ziel hinaus.
Die Kunst der Beiläufigkeit
Eva Trobisch erzählt keine großen Tragödien, sondern Geschichten, wie sie einem eben widerfahren, während man eigentlich etwas ganz anderes geplant hatte. Diese Beiläufigkeit und die vielen kleinen Beobachtungen können auf den ersten Blick etwas unfokussiert wirken. Doch hinter den nur hingetupften Episoden steckt mehr, als man zunächst glaubt: das Ende einer Ehe und die Wunden, die es hinterlässt, eine Zuneigung, die trotzdem geblieben ist, die Sorge der Älteren um ihr Lebenswerk, Leas Streben hinaus in die Welt, Katis Rückkehr. Immer wieder stellt der Film seinen Figuren dieselbe Frage: Was macht ein Leben aus – und ist man dort angekommen, wo man gerade steht?
„Wir beben!“
Ein musikalisches Leitmotiv zieht sich durch den ganzen Film: ein Kanon, in dem mehrere Stimmen in unterschiedlichem Tempo „Wir beben!“ singen, stakkatoartig, bis sie alle auf einmal verstummen. Dieses Vibrieren spiegelt die Spannungen in der (Ex-)Familie wider: Sie sind ständig spürbar, in Worten, Gesten und Taten, aber sie kommen nur selten wirklich zum Ausbruch.
Am Ende sieht man schließlich die fertige Home Story des Fernsehteams. Und die hat mit der Wirklichkeit, die das Publikum inzwischen kennt, nur wenig zu tun. Dass der Film diese Kluft nicht als großen Konflikt inszeniert, sondern leise und mit liebevollen Details erzählt, ist eine seiner größten Stärken.