Wer in der Altstadt von Freistadt ein Haus kauft, erwirbt gleich noch etwas dazu: einen Anteil an der örtlichen Brauerei. Die oberösterreichische Kleinstadt gilt als letzte Braucommune Europas – eine Eigentumsform, deren Wurzeln bis ins Mittelalter reichen.
Schon beim Spaziergang durch die Gassen, die bis heute von den Resten einer Stadtmauer umgeben sind, liegt der Duft von Malz und Hopfen in der Luft. Das Prinzip der Braucommune ist schnell erklärt: Das Eigentum an Anteilen der Brauerei ist untrennbar an den Besitz eines Hauses innerhalb der Stadtmauern gebunden. So erklärt es der Rechtsanwalt Michael Raffaseder, der im Vorstand der Braucommune sitzt. Festgehalten ist das sogar im Grundbuch.
Vom Braurecht zur eigenen Brauerei
Die Geschichte beginnt im Jahr 1363: Damals verlieh Herzog Rudolf IV. den Bürgern von Freistadt das Braurecht. Als Bürger galt, wer ein Haus in der Stadt besaß. In zwölf Brauhäusern durften die Bürger ihr eigenes Bier herstellen, trinken oder verkaufen – wie viel, hing vom Wert ihres Hauses ab. Mitte des 18. Jahrhunderts entschlossen sie sich, ihre Interessen zu bündeln, und kauften gemeinsam eine Brauerei außerhalb der Stadtmauern. Im Kaufvertrag wurde die Verbindung zwischen Hausbesitz und Brauereianteil festgeschrieben. Seit 1770 ist Freistadt offiziell eine Braucommune. Die 149 Häuser, die damals innerhalb der Mauern standen, bilden noch heute die Altstadt – ihre Zahl hat sich nie verändert.
Lange Zeit erhielten die Eigentümer als Gewinnanteil kein Geld, sondern Bier: Der Gewinn wurde in Naturalien ausgezahlt. Ungewöhnlich ist auch die Einheit, in der man die Anteile misst – nicht in Prozent, sondern in Eimern. Ein Eimer ist ein historisches Hohlmaß und entspricht 56 Litern. Insgesamt umfasst die Brauerei 6390 Eimer. Wie viele davon zu einem Haus gehören, hängt von seiner Größe ab: mindestens 15, höchstens 140. Bier gibt es für die Eigentümer seit einigen Jahrzehnten nicht mehr, sondern Geld – doch die alte Einheit hat man beibehalten.
Mehr als nur eine Geldanlage
Die Eigentümer haben neben ihren Eimern auch ein Stimmrecht. Einmal im Jahr treffen sie sich und hören, wie das vergangene Geschäftsjahr verlaufen ist. Sind die Eigentümer mit dem Geschäftsführer unzufrieden, darf der Vorstand eingreifen. Raffaseder beschreibt die finanzielle Wirkung als wechselseitig: Geht es der Brauerei gut, profitieren auch die Eigentümer – nicht nur durch Auszahlungen, sondern weil auch der Wert ihrer Immobilien steigt. Besonders in den letzten 15 Jahren sei das zu beobachten gewesen.
Der Geschäftsführer der Brauerei, Paul Steininger, erzählt, dass manchmal Kaufinteressenten anrufen und sich erkundigen, wie viele Eimer zu einem bestimmten Haus gehören. Angebote gibt es derzeit allerdings kaum – die Leute seien stolz darauf, Miteigentümer zu sein, sagt Raffaseder. Vorstand und Geschäftsführer sprechen von einer echten Verbundenheit. Deshalb sei es so wichtig, die Werte des Betriebs mit denen der Bürger in Einklang zu bringen. Ein Anteil an der Braucommune, meint Steininger, sei etwas anderes als ein paar Aktien irgendeines Konzerns: Er habe einen höheren, auch immateriellen Wert. Er sieht in der Brauerei deshalb auch einen Kulturauftrag.