LESEN · Geschichte

Eine Stadt als Brauerei

Купуєш будинок у старому місті — і стаєш співвласником пивоварні. Як в австрійському Фрайштадті вже понад 250 років діє унікальна спільна власність.

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Wem gehört ein Betrieb?

Wem können Unternehmen gehören – einer Familie, Aktionären, dem Staat, den Mitarbeitern? Und was würde es für eine Stadt bedeuten, wenn alle Hausbesitzer gemeinsam einen Betrieb besäßen?

🇺🇦 Українською Подумай: які форми спільної власності ти знаєш (кооператив, ОСББ, акціонерне товариство)? Чи може спільна власність об'єднувати мешканців міста?

Wer in der Altstadt von Freistadt ein Haus kauft, erwirbt gleich noch etwas dazu: einen Anteil an der örtlichen Brauerei. Die oberösterreichische Kleinstadt gilt als letzte Braucommune Europas – eine Eigentumsform, deren Wurzeln bis ins Mittelalter reichen.

Schon beim Spaziergang durch die Gassen, die bis heute von den Resten einer Stadtmauer umgeben sind, liegt der Duft von Malz und Hopfen in der Luft. Das Prinzip der Braucommune ist schnell erklärt: Das Eigentum an Anteilen der Brauerei ist untrennbar an den Besitz eines Hauses innerhalb der Stadtmauern gebunden. So erklärt es der Rechtsanwalt Michael Raffaseder, der im Vorstand der Braucommune sitzt. Festgehalten ist das sogar im Grundbuch.

Die Stadtmauer von Freistadt mit dem Linzertor.
Die Stadtmauer von Freistadt mit dem Linzertor. Foto: HaSt, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Vom Braurecht zur eigenen Brauerei

Die Geschichte beginnt im Jahr 1363: Damals verlieh Herzog Rudolf IV. den Bürgern von Freistadt das Braurecht. Als Bürger galt, wer ein Haus in der Stadt besaß. In zwölf Brauhäusern durften die Bürger ihr eigenes Bier herstellen, trinken oder verkaufen – wie viel, hing vom Wert ihres Hauses ab. Mitte des 18. Jahrhunderts entschlossen sie sich, ihre Interessen zu bündeln, und kauften gemeinsam eine Brauerei außerhalb der Stadtmauern. Im Kaufvertrag wurde die Verbindung zwischen Hausbesitz und Brauereianteil festgeschrieben. Seit 1770 ist Freistadt offiziell eine Braucommune. Die 149 Häuser, die damals innerhalb der Mauern standen, bilden noch heute die Altstadt – ihre Zahl hat sich nie verändert.

Das Brauhaus in Freistadt, gebaut 1770 bis 1777.
Das Brauhaus in Freistadt, gebaut 1770 bis 1777. Foto: Hjanko, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

Lange Zeit erhielten die Eigentümer als Gewinnanteil kein Geld, sondern Bier: Der Gewinn wurde in Naturalien ausgezahlt. Ungewöhnlich ist auch die Einheit, in der man die Anteile misst – nicht in Prozent, sondern in Eimern. Ein Eimer ist ein historisches Hohlmaß und entspricht 56 Litern. Insgesamt umfasst die Brauerei 6390 Eimer. Wie viele davon zu einem Haus gehören, hängt von seiner Größe ab: mindestens 15, höchstens 140. Bier gibt es für die Eigentümer seit einigen Jahrzehnten nicht mehr, sondern Geld – doch die alte Einheit hat man beibehalten.

Mehr als nur eine Geldanlage

Die Eigentümer haben neben ihren Eimern auch ein Stimmrecht. Einmal im Jahr treffen sie sich und hören, wie das vergangene Geschäftsjahr verlaufen ist. Sind die Eigentümer mit dem Geschäftsführer unzufrieden, darf der Vorstand eingreifen. Raffaseder beschreibt die finanzielle Wirkung als wechselseitig: Geht es der Brauerei gut, profitieren auch die Eigentümer – nicht nur durch Auszahlungen, sondern weil auch der Wert ihrer Immobilien steigt. Besonders in den letzten 15 Jahren sei das zu beobachten gewesen.

Der Geschäftsführer der Brauerei, Paul Steininger, erzählt, dass manchmal Kaufinteressenten anrufen und sich erkundigen, wie viele Eimer zu einem bestimmten Haus gehören. Angebote gibt es derzeit allerdings kaum – die Leute seien stolz darauf, Miteigentümer zu sein, sagt Raffaseder. Vorstand und Geschäftsführer sprechen von einer echten Verbundenheit. Deshalb sei es so wichtig, die Werte des Betriebs mit denen der Bürger in Einklang zu bringen. Ein Anteil an der Braucommune, meint Steininger, sei etwas anderes als ein paar Aktien irgendeines Konzerns: Er habe einen höheren, auch immateriellen Wert. Er sieht in der Brauerei deshalb auch einen Kulturauftrag.

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Chronik der Braucommune

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GrundbuchEimernStimmrechtNaturalienverliehMiteigentümer
1) 1363 Herzog Rudolf IV. den Bürgern das Braurecht.
2) Dass Haus und Brauereianteil zusammengehören, steht sogar im .
3) Die Anteile misst man nicht in Prozent, sondern in .
4) Früher wurde der Gewinn in ausgezahlt – also in Bier.
5) Bei der jährlichen Versammlung haben die Eigentümer ein .
6) Viele Freistädter sind stolz, der Brauerei zu sein.

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Freistadt in Oberösterreich ist die letzte Braucommune Europas: Wer eines der 149 Altstadthäuser besitzt, ist Miteigentümer der Brauerei. Das Braurecht stammt von 1363, die Braucommune von 1770. Die Anteile misst man bis heute in Eimern – ein Eimer sind 56 Liter.

🇺🇦 Українською Фрайштадт у Верхній Австрії — остання «пивоварна громада» Європи: власник одного зі 149 будинків старого міста — співвласник пивоварні. Право варити пиво місто отримало 1363 року, громаду засновано 1770-го. Частки досі рахують у «відрах»: одне відро — 56 літрів.