Mit „Everytime“ hat die österreichische Regisseurin Sandra Wollner in Cannes den Hauptpreis der Nebenreihe „Un Certain Regard“ gewonnen; 2027 geht der Film für Deutschland ins Oscar-Rennen. Ab dem 11. November ist er in den Kinos zu sehen – ein stilles, rätselhaftes Werk über Verlust und Erinnerung.
Ein Morgen über den Dächern
Der Film beginnt im warmen Licht der Morgendämmerung auf einem Berliner Dach. Die junge Jessi und ihr Freund Lux wollen die Nacht nach einem Rave nicht enden lassen; man ist ausgelassen, verliebt, macht Handyfotos. Wenige Stunden später hätte Jessi mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester nach Teneriffa fliegen sollen. Doch ein unachtsamer Moment beendet ihr Leben – der Film zeigt das beiläufig, fast lautlos, während am Horizont gleichgültig die Sonne aufgeht. Wollner und ihr Kameramann Gregory Oke, der schon die traumwandlerischen Bilder von „Aftersun“ entworfen hat, setzen diesen Augenblick in unerbittlicher Schönheit in Szene: Ein langer Schwenk über die Dächer, aus dem sich die beiden erst allmählich herauslösen.
Zeigen statt erklären
Wollners Kino folgt keiner konventionellen Dramaturgie, keiner emotionalen Zuspitzung, keiner stringenten Psychologie der Figuren. Es arbeitet mit Auslassungen und Leerstellen, nähert sich menschlichen Erfahrungen eher assoziativ und verzichtet bewusst auf das, was viele Filme über Trauer zeigen: den ersten Schock, das Nicht-wahrhaben-Wollen, die hereinbrechenden Gefühle. Stattdessen setzt die Handlung erst ein Jahr später ein, als die alleinerziehende Mutter Ella (Birgit Minichmayr) ihren Alltag mit der jüngeren Tochter Melli wieder auf die Reihe zu bekommen versucht. Minichmayr spielt eine gefasste, fast stoische Frau, die sich keine Schwäche erlaubt und einfach weiter funktioniert; ihr hartes Gesicht verrät einen Menschen, dem selbst die Tränen ausgegangen sind. Lux, kurz vor dem Abitur, wird von Schuldgefühlen geplagt und bittet um Vergebung – doch Ella kann ihm nicht verzeihen.
Erinnerungen in Daten
Dass Verlust immer mit Erinnern verbunden ist, hat Wollner schon in ihrem viel gefeierten Film „The Trouble With Being Born“ beschäftigt, in dem einem humanoiden Roboter Erinnerungen an Verstorbene einprogrammiert werden. In „Everytime“ leben die Erinnerungen in digitalen Aufzeichnungen weiter: Lux hört sich Jessis Sprachnachrichten an, Melli sucht Trost in alten Videos und im gemeinsamen Chatverlauf und schreibt ihrer Schwester weiter – in der irrationalen Hoffnung auf eine Antwort. Immer wieder nimmt die Kamera die Perspektive eines distanzierten Beobachters ein, einer unsichtbaren Instanz, die wie die Sonne teilnahmslos zuschaut.
Schließlich beschließt Ella kurzerhand, mit Melli und Lux nach Teneriffa zu fliegen – um den Urlaub nachzuholen, der nie stattgefunden hat. In der schroffen, vulkanischen Kulisse der Insel geschieht dort etwas, das eigentlich nicht sein kann. Die Sonne bleibt das Leitmotiv: Kinder schießen eine Leuchtrakete in ihre Richtung, gleichsam ein Notsignal – und für einen Moment scheint die Welt innezuhalten. Was folgt, ist ein Neuanfang, in dem sich Vergangenes und Zukünftiges überlagern – erzählt in Bildern, wie es nur das Kino kann. Wollner verzichtet auf Erklärungen und vertraut ganz ihren Bildern – und gerade darin liegt die Stärke dieses Films.