Zwölf Tage und Nächte ohne Essen, ohne Wasser, ohne Schuhe – allein im australischen Outback. Dass Carolina Wilga diese Geschichte heute selbst erzählen kann, grenzt an ein Wunder.
Ein Traum von Freiheit
Eigentlich hatte die junge Frau aus Castrop-Rauxel im Ruhrgebiet einen sicheren Beruf: Sie war gelernte Zerspanungsmechanikerin und arbeitete im Metallhandwerk. Doch sie sehnte sich nach Freiheit und Ferne. Sie begann zu reisen und zu surfen und ließ sich in Indien zur Yogalehrerin ausbilden. In Australien jobbte sie monatelang in abgelegenen Siedlungen von Minenarbeitern: Sie putzte, half in der Küche und spülte Geschirr. Vom gesparten Geld kaufte sie einen kleinen Transporter, der zum Camper umgebaut war.
Ende Juni 2025, mitten im australischen Winter, startete die damals 26-Jährige in Perth an der Westküste. Mit reichlich Wasser, Lebensmitteln, Werkzeug, Solarpaneelen und warmer Kleidung war sie gut ausgerüstet. Ihr Ziel: einmal quer durch das Land bis zur Ostküste, dort einen Freund besuchen und surfen. Dass eine Frau allein mit dem Camper unterwegs ist, ist in Australien nichts Ungewöhnliches.
Der Unfall
Doch schon zwei Tage später war die Reise zu Ende. Zuletzt gesehen worden war Wilga im Ort Beacon, rund 300 Kilometer von Perth entfernt. An einer einsamen Straße durchbrach ihr Wagen einen Zaun und stürzte einen Abhang hinunter. Sie verlor das Bewusstsein und kam erst nach etwa 20 Stunden wieder zu sich – mitten in Karroun Hill, einem 3000 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet. Vermutlich war sie durch eine Kopfverletzung verwirrt. Jedenfalls entfernte sie sich von ihrem Auto, das ihr Schutz und Vorräte geboten hätte. Warum sie plötzlich nur noch ein dünnes Sommerkleid trug, ist bis heute ein Rätsel.
Allein in der Wildnis
Um sie herum gab es nur Felsen, Staub und trockene Büsche – keine Straße, keinen Menschen, nicht einmal Spuren. Nachts sanken die Temperaturen bis unter den Gefrierpunkt. Tagsüber wanderte Wilga, zuerst auf der Suche nach ihrem Wagen; dabei orientierte sie sich am Stand der Sonne. Später beschloss sie, nach Westen zu wandern, Richtung Meer, wo sie Straßen und Menschen vermutete. Hunger, Durst und Insekten quälten sie, und immer wieder verließ sie der Mut.
Was sie am Leben hielt, waren vor allem die Gedanken an ihre Eltern und ihre Schwester: Sie wollte ihnen nicht antun, in der Wildnis zu sterben. Mit der Zeit lernte sie, die Natur genau zu lesen. Sie erkannte, auf welchem Gestein das Wasser nicht versickert und welche Pflanzen eine Pfütze in der Nähe verraten. Gegen die eisigen Nächte schützte sie sich mit abgebrochenen Ästen. Dass längst am Boden und aus der Luft nach ihr gesucht wurde, ahnte sie nicht. Erst gegen Ende sah sie ein Flugzeug am Himmel – und schöpfte neue Hoffnung.
Das Wunder
Am zwölften Tag stieß Wilga auf eine Straße. In der Nacht davor war es minus vier Grad kalt gewesen, und die Retter hatten die Hoffnung fast schon aufgegeben, die Vermisste noch lebend zu finden. Dann kam zufällig eine Farmerin vorbei. Sie nahm die erschöpfte Frau in ihrem Auto mit und informierte die Polizei. Nach kurzer Zeit im Krankenhaus konnte Wilga nach Hause zu ihrer Familie fliegen.
Ihre Wunden sind inzwischen verheilt, und auch seelisch geht es ihr nach eigenen Worten sehr gut – vielleicht sogar besser als vor dem Unfall. Zusammen mit einer professionellen Autorin hat sie ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben: „Dem Outback entkommen“. Heute, sagt sie, sei ihr wichtigstes Gefühl die Freude – auch an Tagen, an denen es ihr nicht so gut geht.