Ende Januar bringt ein Boot Mareike Espenschied auf eine kleine Insel in der Nordsee. Danach ist sie allein – 206 Tage lang. Ihre einzigen Nachbarn: Tausende Vögel.
Die Insel heißt Trischen und liegt im Wattenmeer, rund 14 Kilometer vor der Küste von Dithmarschen in Schleswig-Holstein. Man nennt sie auch die „wandernde Insel“, denn sie verändert ständig ihre Lage. Trischen ist eine Vogelinsel und streng geschützt: Betreten darf sie nur eine einzige Person, die Naturschutzwartin des NABU. In diesem Jahr war das Mareike Espenschied, eine Ornithologin aus Freiburg.
Warum macht man so etwas? Für Espenschied hat es einfach gepasst: Sie war damals nur befristet angestellt und hatte keine privaten Verpflichtungen – keine Kinder, keine Angehörigen, die Pflege brauchen. Sie wollte etwas Sinnvolles tun. Und sie suchte eine Herausforderung: Schaffe ich das? Wo sind meine Grenzen?
Leben auf 15 Quadratmetern
Ihr Zuhause war eine Hütte auf Stelzen, nur 15 Quadratmeter groß. Strom kam von einer Solaranlage, geheizt wurde mit einem Holzofen. Drinnen gab es eine kleine Küchenzeile, einen Schreibtisch, ein Bett und Regale voller Bücher; aus jedem Fenster sah man das Meer oder die Salzwiese. Zum Waschen ging sie ins Meer oder benutzte einen Duschsack, den sie in die Sonne legte, damit das Wasser warm wurde. Sehr minimalistisch – aber sie fand es gemütlich. Gefehlt hat ihr nur eine Waschmaschine.
Ihr Tag begann kurz vor Sonnenaufgang. Vom Umlauf der Hütte aus zählte sie zuerst die Zugvögel. Nach dem Frühstück lief sie die Insel von der Süd- bis zur Nordspitze ab und notierte alles Auffällige, zum Beispiel tote Vögel. Ihre wichtigste Aufgabe war es herauszufinden, welche Vogelarten auf Trischen brüten und wie viele. Alle zwei Wochen kam eine große Zählung der Rastvögel dazu, außerdem Wetterdaten und Messungen. Abends kochte sie, schrieb für ihren Blog und trug alle Vogelarten des Tages in eine Liste ein.
Natur bestimmt den Takt
Einfach war es nicht immer. Einmal blieb Espenschied mit dem Gummistiefel in einem Priel stecken, ein anderes Mal sank sie im Watt bis zum Knie ein. Auf Trischen, sagt sie, muss man sich der Natur und dem Wetter unterordnen. Sehr wichtig war Axel, der Mann, der einmal pro Woche Vorräte brachte. Meist kam er bei Hochwasser und konnte erst zurückfahren, wenn das Wasser nach der Ebbe wieder hoch genug war – Zeit für ein Frühstück oder einen Kaffee auf dem Boot. Bei schlechtem Wetter musste sie manchmal mehrere Tage auf ihn warten. Telefonieren konnte sie fast täglich, wenn sie die Stelle mit dem besten Empfang fand.
Die Einsamkeit hat sie vor allem positiv erlebt, auch wenn es manchmal unangenehm war, ständig mit sich selbst konfrontiert zu sein. Das Leben unter Vögeln sei entschleunigter, aber auf Menschen möchte sie nicht verzichten. Sie habe gemerkt: Sie ist keine geborene Eremitin. Nach sieben Monaten war es für sie in Ordnung zu gehen – die Tage wurden kürzer, das Wetter rauer. Noch einmal würde sie nicht auf die Insel gehen; die Erfahrung soll etwas Einmaliges bleiben. Zurück auf dem Festland hat sie zuerst eine Pizza gegessen und sehr lange geduscht. Das einzige Problem in der Zivilisation: Sie hatte die Geheimzahl ihrer Kreditkarte vergessen.